Im Drehsinn. Wirtschaft und Kunst

Vom Nutzen der Verschwendung

Kunst ist nicht wirtschaftlich. Sie könnte, mit Georges Bataille gesprochen, als Produkt jener überschüssigen Energie betrachtet werden, die der lebende Organismus zusätzlich zur nötigen Wachstumsenergie erhält und die verschwendet werden will.

Doch es entspricht dem menschlichen Naturell, zumindest dem kapitalistischen, dass «selbst die Vergeudung zum Gegenstand eines Erwerbs» werden soll, der sich sodann meist in Form des Prestiges darstellt. Wenn nun Banken und industrielle Grosskonzerne in die Kunstförderung investieren und beachtliche Kunstsammlungen aufbauen, dürfte neben der vielbeschworenen sozialen Verantwortung ebenso der Imagegedanke im Blickfeld stehen. Dies nur eine Überlegung von vielen, die der Rundgang durch die Ausstellung von Christina Hemauer und Roman Keller im Kunstmuseum Olten anregt. Die seit 2003 im Team auftretenden Künstler befassen sich in ihren Werken mit dem komplexen Geflecht, das zwischen Energieproduktion und Konsum, Kultur und technischem Fortschritt besteht. Unter dem Titel «Im Drehsinn» fokussieren sie nun explizit auf das Verhältnis von Wirtschaft und Kunst.

Nicht zufällig findet diese Auseinandersetzung im Kunstmuseum Olten statt, wo der Schreck über die allfällige Schliessung des Hauses noch tief in den Knochen sitzt. Die Diskussion wurde 2014 entfacht durch den Ausfall des wichtigsten Steuerzahlers der Stadt, der Alpiq. Just jener Konzern hatte 1959 – damals noch als Aare-Tessin AG – eine umfangreiche Schau des Oltner Kunstvereins beherbergt, bei der knapp 40 Firmen Glanzstücke aus ihrer Sammlung zeigten. Hemauer/Keller entfalten nun nicht nur eine eindrückliche Recherche zum Werdegang der damals beteiligten Konzerne und zu ihren Sammlungen, sondern regen zum allgemeinen Nachdenken über die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst und die Verantwortung der Wirtschaft gegenüber derselben an. Die Grenzen dieses Pflichtbewusstseins erfuhr das Duo, als sie letztes Jahr bei der Wallis-Triennale Wasser von einem brachliegenden Stausee abschöpfen wollten, um – gemäss Bataille eben – aus reiner Verschwendungslust einen Springbrunnen zu kreieren. Der Nutzen dieser «Verschwendung» allerdings liegt einzig im Auge des Betrachters.

Deborah Keller, NZZ Feuilleton 21.03.2015, S. 55

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1.2. – 19.4.2015

Kunstmuseum Olten
Kirchgasse 8, 4600 Olten

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